Mira Tockner1
1) Universität Innsbruck
Es wird die These aufgestellt, die meisten Studierenden seien in Bezug auf ihr Studium in erster Linie intrinsisch motiviert. Praktische Konsequenzen aus physikalischer Forschung wird eher als zufälliger Nebeneffekt verstanden, wenn auch als positiver. Die Verfasserin hadert dennoch damit, sich aus Interesse in Astrophysik oder aus Nutzen für die Gesellschaft in einem anderen Forschungsbereich zu spezialisieren. Kritisiert wird, dass Studierende erst spät im Studium Einblick in die aktuelle Forschung erhalten und die Motivation mancher Studierender, für die der praktische Nutzen des Gelernten wichtig ist, darunter leiden könnte.
Physik ist ein Studium, das viel Arbeit und Opfer abverlangt. Man studiert es nicht aus einer Laune heraus. Um sich nicht von der komplizierten Mathematik und den endlosen Stunden des verwirrt-vor-einem-Lehrbuch-Sitzens unterkriegen zu lassen, muss man durch irgendeine starke innere Kraft getrieben sein. Alle Studierenden, die ein Physikstudium abschließen, haben aus irgendeinem Grund in dieser herausfordernden Ausbildung durchgehalten. Was war dieser Grund?
Ich denke, oft ist die Antwort wesentlich simpler als die Komplexität des Studiums: Neugier. Der ganz menschliche Drang, sich Fragen zu stellen und sich nicht mit einer halbseidenen Antwort zufriedenzugeben.
Der Wunsch nach Fortschritt und technologischer Innovation ist zwar auch ein Grund, Physik zu studieren, technologischer Fortschritt geht jedoch ohnehin Hand in Hand mit dem Streben nach Wissen, ganz ohne Hintergedanken. Wo wäre die Physik, hätten nicht Mathematiker abstrakte Konzepte wie imaginäre Zahlen oder Fouriertransformationen entwickelt, ohne dabei an praktische Anwendungen zu denken? Hinter heute bekannten und vielseitig eingesetzten Lösungen für Differentialgleichungen stecken Jahre an Denkarbeit. Diese waren garantiert nicht dadurch motiviert, irgendwann eine vollständige Beschreibung des Wasserstoffatoms oder eine approximative Beschreibung komplizierterer Atome oder Moleküle zu liefern. Mit Sicherheit zweifelten viele bei ihrer ersten Beschreibung, ob die Relativitätstheorie, bekannt durch ihre Gedankenexperimente, bei denen Personen sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, je eine praktische Anwendung finden würde. Ohne sie wäre jedoch das GPS undenkbar. Die Grundlagenforschung bildet eben die Grundlage für technologischen Fortschritt, auch wenn dieser erst Jahrzehnte später realisiert werden kann.
Allerdings gibt es je nach Fachbereich Unterschiede in der Motivation. Mich persönlich interessiert Astrophysik sehr, sie ist auch ein Grund, warum ich überhaupt angefangen habe, Physik zu studieren. Wie das Universum in dem wir leben funktioniert, welchen Regeln es gehorcht, wie es entstand, ob und wie es einmal enden wird, all das sind Fragen, welche sich die wohl eher philosophisch veranlagten Physiker:innen stellen. Gleichzeitig sind es Fragen, welche die Menschheit schon seit Jahrtausenden beschäftigen. Die Chance, den Antworten ein kleines Stück näher zu kommen, kann sehr reizvoll für Jugendliche sein, die gerade entscheiden müssen, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. Eine Stärke der Grundlagenforschung und der grundlagenforschungsnahen Studiengänge ist also, junge Menschen für die Forschung zu begeistern. Darin ist sie meiner Meinung nach wesentlich besser als manch andere Disziplinen, schließlich ist es unwahrscheinlich, dass Achtzehnjährige sich brennend für die Abnutzung von Bohrköpfen interessieren.
Ich glaube, dass viele Studierende von Wissendurst getrieben sind. Jene, die es nicht sind, müssen schon sehr viel Durchhaltevermögen beweisen, bis sie endlich erfahren, was mit dieser ganzen Physik eigentlich so angestellt wird. So wie das Studium jetzt aufgebaut ist, dauert es Jahre, bis man als Student:in Einblick in Forschungsgruppen und konkrete Anwendungen erhält. Natürlich ist eine solide Ausbildung in den mathematischen und physikalischen Grundlagen essentiell. Um das Interesse von anwendungsorientierten Menschen aufrechtzuerhalten wäre jedoch ein früher Ausblick auf Anwendungen wichtig.
Ich kann bei mir selbst, aber auch bei Kommiliton:innen beobachten, wie diese Frage „Warum mache ich das eigentlich?“ immer wiederkehrt. Im Laufe des Studiums habe ich mich im Angesicht der vielen Krisen, allen voran des Klimawandels, oft gefragt, ob ich wirklich Astrophysik machen will. Schließlich fällt mir auch keine gute Antwort ein, was es denn konkret bringt, Sternschwingungen oder unerreichbar weit entfernte Quasarspektren zu erforschen. Dann kommt es mit selbstsüchtig vor, meine ganze Ausbildung nur zur Erforschung von winzigen Lichtpunkten zu verwenden, wo ich doch neue Möglichkeiten finden könnte, Treibhausgasemissionen zu verringern oder die Effizienz von nachhaltigen Kraftwerken zu erhöhen. Denn auch, wenn technologischer Fortschritt oft von Grundlagenforschung kommt ist längst nicht gesagt, dass Grundlagenforschung immer zu technologischem Fortschritt führt. Wenn man als Astrophysiker:in hofft, dass die eigene Grundlagenforschung irgendwann Anwendung findet, vergleicht man sich dann mit Einstein?
Ich denke, dass sich die Motivation, Wissenschaft zu betreiben, für manche Menschen im Laufe des Studiums ändert. Angefangen habe ich definitiv aus reiner Freude an der Wissenschaft, aber weitergemacht habe ich auch, weil ich in meinem Studium das Potential sehe, Gutes zu bewirken. Viele Physikstudierende sind keine selbstsüchtigen Menschen. Die Bereitschaft, sich schon bei kleinen Sachen wie Hausübungen, Formelsammlungen oder einfach nur beim Lernen zu helfen, ist viel größer, als ich es von anderen Studiengängen höre. Diese Hilfsbereitschaft ist auch auf das große Ganze übertragbar. Schon bei einigen Diskussionen habe ich gemerkt, wie Andere mit demselben Zwiespalt hadern, Astrophysik aus Interesse oder etwas „Hilfreicheres“ aus Nutzen für die Gesellschaft weiterzuverfolgen. Und bei jeder dieser Diskussionen kam irgendwann das Argument: „Aber … Astro!“. Besser kann ich es nicht ausdrücken, warum man schlaflose Nächte auf eiskalten Bergen verbringt, um Daten aufzunehmen, warum man trotz frustrierenden Hausübungen, langen Labortagen und Computern, die einfach nicht machen, was sie sollen, trotzdem jedes Mal mit leuchtenden Augen und Begeisterung anfängt zu erzählen, wenn man gefragt wird, was man eigentlich genau macht. Ganz einfach: Weil man will.