Warum gute Lehre nicht nur von Inhalten ausgemacht wird
Matti Wetzig1
1) Technische Universität Dresden, Didaktik der Physik
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Das Klischee, für gute Lehre auf Augenhöhe bräuchte es nur fachliche Kompetenz der Lehrenden, hält sich hartnäckig. Doch in meiner Erfahrung, und der unzähliger Studierender, steht und fällt die Qualität von Lehre mit den zwischenmenschlichen Kompetenzen der Lehrenden. Lehrende, die auf Augenhöhe mit den Studierenden arbeiten, vermitteln den Studierenden das Gefühl, respektiert zu werden, und respektieren sie auch. „Lustige Kommentare“, subtil herabwürdigende Bemerkungen oder die Haltung „Wenn die Studierenden nicht mitarbeiten, kann ich ihnen auch nicht mehr helfen“ führen für Studierende zu miserablen Erfahrungen mit dem Studium.
Ich sehe eine notwendige Maßnahme zur Verbesserung der Lehre in der Aufklärung der Lehrenden über ihre Privilegien, sowohl im akademischen, als auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext.
Dabei fokussiert sich dieser Text auf eine spezifische Negativerfahrung in einer Übung.
Ich habe 2 Semester lang Physik BA studiert und dann am Anfang des 3. Semesters gemerkt, dass mein Interesse eigentlich bei Mathematik liegt. Im dritten Semester habe ich noch angefangen, Physikmodule zu belegen, mich dann aber schnell auf ein Mathemodul konzentriert und meine gesamten 2 Prüfungen in Mathemodulen abgelegt. Dabei habe ich bisher außer persönlichem Interesse an den Inhalten keinen nennenswerten Unterschied zwischen der Lehre in Physik und Mathe feststellen können. Auch der Wechsel zu Mathe geschah, soweit ich es beurteilen kann, vor allem aus Neigung, nicht aus negativen Erfahrungen mit dem Physikstudium.
In meiner Erfahrung steht und fällt die Qualität von Lehrveranstaltungen oft mit den Personen, die sie halten. Die guten Übungen, die ich in meinem Physikstudium hatte, hatten als gemeinsamen Nenner immer, dass die Lehrende Person engagiert und kompetent wirkte und dieses Engagement auf die Studis übertragen konnte. Bei solchen Lehrenden kam es aus meiner Perspektive kaum zu Situationen, wie sie in diesem Call for Papers beschrieben wurden. Dabei ist zu beachten, dass meine Perspektive damals eine relativ privilegierte, von so gut wie keinen Diskriminierungserfahrungen wie Sexismus oder Rassismus geprägte war.
Ein Negativbeispiel: In einer Übung eines Mathemoduls für Physiker*innen wurde unser eigentlicher Übungsleiter mehrmals von einer Person vertreten, die kein Verständnis für die Lebensrealität von Studis zeigte.
Es sollten Übungsaufgaben vorgerechnet werden, und als sich keine*r traute, wurde uns vorgeworfen, kein Interesse am Lernen bzw. fehlendes Engagement in diesem Modul zu haben Es wurde angedroht, die Übung zu beenden wenn sich keine Person zum Vorstellen der Aufgaben finden würde. Die Lehrende Person ließ sich schließlich überzeugen, die Lösung zumindest einer Aufgabe mit uns zu teilen und tat dies, indem sie die Musterlösung eins zu eins an die Tafel schrieb und dabei vorlaß, was sie schrieb. Bei Rückfragen der Studierenden war der Unterton von “Wenn ihr die Aufgaben gemacht hättet, würdet ihr nicht so dumme Fragen stellen” schwer zu überhören.
Als ich und Kommiliton*innen die Lehrende Person nach der zweiten dieser Vertretungsübungen darauf ansprachen, stießen wir auf absolute Unwilligkeit, ein eigenes Fehlverhalten anzuerkennen. Die Person sagte uns sinngemäß, dass es ihr egal sei, wie sich Studierende in der Übung fühlen (bezogen auf die Drohung, die Übung zu beenden) und selbst schuld seien, wenn sie keine Aufgaben erledigen würden. (In der Realität hatten einige Studis die Aufgaben gemacht, sich aber aufgrund der Schwere des Stoffs und einer sehr inhaltsdichten Vorlesung nicht getraut, ihre Lösung vorzustellen, und die anderen hatten wegen des Arbeitsaufwandes anderer Module keine Zeit gefunden, die Aufgaben zu machen. Für beides wurde kein Verständnis gezeigt.)
Dieses Modul wurde von der Mathe-Fakultät organisiert, also ist es kein ausschließliches Physik-Phänomen, ungeeignete Übungsleiter*innen zu erwischen. Allerdings hören Physik BA Studierende ja am Anfang des Studiums auch Mathe-Module, also tragen Probleme in der Mathe sicherlich auch zur Qualität der Lehre im Physikstudium bei.
Dieses Beispiel zeigt für mich, dass neben fachlicher Kompetenz die Sensibilität der Lehrenden gegenüber sozialen Aspekten ihres Auftretens eine entscheidende Rolle spielt. Ich stelle folgende (nicht ausreichend von mir belegte) These auf: Wenn Lehrende überzeugt sind, selbst „alles richtig zu machen“ und deshalb nicht für Kritik an ihrer Lehre offen sind, so führt ihre Lehre zu genau solchen negativen Situationen, wie im Call for Papers beschrieben.
Dabei ist Awareness[1] über verschiedene Formen von Diskriminierung („geschlechtsbasierte“ Gewalt, Rassismus, Klassismus, Ableismus, …) für mich zentral.
Das ist kein Problem der Physik. Ich würde, ohne es hier belegen zu können, behaupten, Menschen die an der Uni Lehre machen sind in vielerlei Hinsicht gesellschaftlich sehr privilegiert. Je mehr Privilegien sie haben, desto weniger Bewusstsein haben sie pauschal für die negativen Konsequenzen für andere (also Diskriminierungen), die aus ihrem eigenen Verhalten entstehen.
Lehrende sind an der Universität in einer Machtpositionen gegenüber denen, die von ihnen lernen sollen.
Ich denke, die Lehrenden müssen über ihrere eigene Machtposition (sowohl als Lehrende Person, als auch aufgrund verschiedener Privlilegien, z.B. cis-männlich sein) aufgeklärt sein, um auf Augenhöhe mit allen Studierenden interagieren zu können. Das ist meiner Einschätzung nach notwendig dafür, dass die Lehre verbessert werden kann.
[1]“Awareness” bedeutet für mich, ein kritisches Bewusstsein über gesellschaftliche Machthierarchien (z.B. die patriarchale Struktur unserer Gesellschaft) zu haben.