Timo Gaßen, Stefan Brackertz
Fachschaft Physik, Universität zu Köln
PDF-Download
Wer ist Professor Namenlos? Er ist ein Professor an einer normalen deutschen Hochschule und mit der Lehre im Fach Physik beauftragt. Das, was ihn jedoch zum Kern der Diskussion macht, ist nicht sein Fachgebiet, die Physik, auch nicht seine Vorlesung. Es stellt sich die Frage, wie er über Studierende denkt. Wobei, ihn zu kritisieren, auf keinen Fall Ziel dieses Textes ist.
Professor Namenlos ist nicht nur namenlos, weil seine Identität zu schützen der Anstand gebührt. Professor Namenlos ist namenlos, weil es ihn an vielen Hochschulen gibt. Nicht seine Person, sondern seinen Geist: Professor Namenlos ist fest davon überzeugt, seine Studierenden zu verstehen, zu wissen, was das beste für sie ist, unabhängig von ihrem Semester oder den Veranstaltungen, die sie gerade belegen. Schließlich ist er nicht ohne Grund Physik-Professor geworden. Er kann abstrahieren, aufs Eigentliche gehen, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, das Prinzip von den irrelevanten Ausnahmen, ohne die besonders spannenden entarteten Fälle zu übersehen. Wobei, Erstsemester mag er doch am liebsten. Denen müsse man ja noch zeigen, was eigentlich gut für sie ist. Schließlich weiß er, dass sie noch formbar sind und jeden Vorschlag zur Arbeitshaltung dankbar annehmen. Vor allem, wenn man ihnen erzählt, dass es das Beste für sie sei. Wobei, zu hinterfragen, was nun dieses Beste ist, auf keinen Fall Ziel dieses Textes ist.
„En d’r Kayjass Nummero Null
steit en steinahl Schull
Un do hammer dren studiert.
Unsere Lehrer, dä heess Welsch,
sproch e unverfälschtes Kölsch
Un do hammer bei jeliehrt.
Joh un mer han off hin un her üvverlaat
un han för dä Lehrer jesaat:
Nä, nä, dat wesse mer nit mih, janz bestemp nit mih,
Un dat hammer nit studiert.
Denn mer woren beim Lehrer Welsch en d’r Klass
Do hammer sujet nit jeliehrt.
Dreimol Null es Null es Null
Denn mer woren en d’r Kayjass en d’r Schull
Dreimol Null es Null es Null
Denn mer woren en d’r Kayjass en d’r Schull“
(Der Song „En d’r Kayjass Nummer Null“ wurde 1938/1939 anlässlich des Todes von Heinrich Welsch von den Drei Laachduve für die Karnevalssession 1939 geschrieben. Zum Evergreen wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Cover-Versionen von De Vier Botze und den Bläck Fööss. An der Ecke Kaygasse 1/Großer Griechenmarkt 87 befand sich die erste Kölner Sonderschule für „geistig nicht normal entwickelte Kinder“. Heinrich Welsch gründete die erste Hilfsschule im Rechtsrheinischen Arbeiter- und Industrie-Gebiet Köln-Kalk. Er kümmerte sich vor allem um die soziale Lage seiner Schüler*innen und kämpfte für die gesellschaftliche Reintegration junger unverheirateter Mütter. Er hat nie an der Schule in der Kaygass unterrichtet.)
„Mit Paternalismus (…) wird eine Herrschaftsordnung beschrieben, die ihre Autorität und Herrschaftslegitimierung auf eine vormundschaftliche Beziehung zwischen herrschenden und beherrschten Personen begründet. (…) Als paternalistisch wird (…) eine Handlung bezeichnet, die gegen den Willen, aber auf das vermeintliche Wohl eines anderen ausgerichtet ist.“ (Wikipedia-Artikel zu Paternalismus)
„Foucault beschreibt die Gesellschaft als ein Gebilde, das von kleinsten Machtlinien durchsetzt ist und in der alle Individuen ständig von Machtmechanismen besetzt werden. Macht soll dabei als etwas Vielgestaltiges, Vielschichtiges, Ungreifbares verstanden werden, das Menschen nicht besitzen, sondern höchstens in begrenztem Maße von strategischen Positionen aus steuern können.“ (Wikipedia-Artikel zum Buch „Überwachen und Strafen“)
„Nachdem diese Machttechniken im 16. und 17. Jahrhundert erst langsam entwickelt wurden und sich im 18. und 19. Jahrhundert in Reinform durchsetzten, ist seitdem eine weitere Optimierung der Disziplinartechniken zu beobachten. Zwar sind die Einflüsse der machtausübenden Institutionen selbst geschwunden (in der Schule durch Pädagogik, in der Firma durch Gewerkschaften und die Lehre vom Angestellten), dafür wurden aber immer mehr und immer subtilere Zwischeninstitutionen geschaffen, die erstens das Individuum durch kontrollierte Zugeständnisse gefügig hielten (Pädagogik, Rechte von Gefangenen, Schülern, Soldaten usw.) und zweitens sich immer breiter in der Gesellschaft verteilten (Schule wird über Zeugnisse und Leistungen mit Firma verbunden, Schule und Jugendamt und Mitbürger kooperieren bei der Überwachung von Familien etc.).“
„Neulich krät uns en d’r Jass
die Frau Kääzmanns beim Fraass,
sät: Wo lauft ihr sechs blos hin?
Uns Marieche sitz zo Hus,
weiss nit en un weiss nit us,
einer muss d’r Vatter sin.
Joh un do ald hammer widder hin un her üvverlaat
un han för die Kääzmanns jesaat:
Leev Frau Kääzmann
Nä, nä, dat wesse mer nit mih, janz bestemp nit mih,
Un dat hammer nit studiert.
Denn mer woren beim Lehrer Welsch en d’r Klass
Do hammer sujet nit jeliehrt.
Dreimol Null es Null es Null
Denn mer woren en d’r Kayjass en d’r Schull
Dreimol Null es Null es Null
Denn mer woren en d’r Kayjass en d’r Schull“
Da kommt die Frage auf, ob denn die Studierenden mit Professor Namenlos einer Meinung sind. Ja, ist die Antwort von Professor Namenlos, ein überzeugtes ja. Immerhin habe sich dies, also das Beste für sie, die Studierenden, über die Jahre bewährt. Er habe doch immer am Semesterende ein so gutes Feedback bekommen und niemand scheint seiner Ansicht zu widersprechen. Wenn also der gesamte, am Semesterende verbliebene Hörsaal seine Ansicht teilt, dann kann diese ja kaum unzutreffend sein. Zu Recht: Er habe sich ja auch große Mühe gegeben, seine Vorlesungen immer gut vorbereitet, sich Gedanken über die sogenannte Didaktik gemacht und Fragen der Studierenden immer ausführlich und sorgfältig beantwortet. So ist Professor Namenlos nun einmal, zufrieden mit einem weiteren Semester und dem guten Feedback, das er bekommen hat.
Manchmal fragt er sich dann aber doch – zufrieden und bereit, das nächste Semester zu beginnen –, wie viele eigentlich nicht mehr am letzten Tag, dem Tag des Feedbacks, anwesend waren. Für die war es aber sicherlich besser so. Er kann das gut beurteilen, denn er ist ja nah dran an seinen Studierenden. Besonders in den mündlichen Prüfungen, da fällt angesichts der Anspannung die Maske, die Studierenden sprechen ehrlich über das, was sie bewegt. Heute war wieder eine, jemand – wie hieß er noch gleich – jemand hatte eine mündliche Prüfung statt Klausur beantragt, weil es sein letzter Versuch gewesen war. Aber es hatte nicht gereicht, ein Studium war halt nichts für ihn. Das hätte er ihm auch vorher sagen können, aber na ja, das sind die Regeln. In 10 Jahren, so viel war sicher, würde er ihm aber dankbar sein. Dankbar dafür, dass er, Professor Namenlos, Härte nicht gescheut und eine Wende im Leben dieses verzweifelten Studenten getriggert hatte. Das war ein guter Tag gewesen.
Wobei, zu hinterfragen, ob dieser Student die Ansichten von Professor Namenlos teilt, auf keinen Fall Ziel dieses Textes ist.
„Deutsch-Unterricht, dat wor nix för mich
denn ming Sprooch die jof et do nit
‚sprech ödentlich‘ hät de Mam jesaht
Di Zeuchniss dat weed keene Hit
Ich sprech doch nur, ming eijene Sproch
wuss nit, wat se vun mir will
ejhal wat ich saachen dät,
et wor verkeht“
(Brings: Kölsche Jung)
1992 brachte Francis Fukuyama mit seinem Buch „The End of History and the Last Man“ das Mindset einer ganzen Generation philosophisch pointiert auf den Punkt: Mit Methoden des Marxismus‘ begründete er dessen Untergang und schloss mit der These, dass von nun an der Kapitalismus allewiglich wäre und Menschen nur noch bliebe, sich darin möglichst vorteilhaft einzurichten.
Darin gedieh das Regime des „Forderns und Förderns“, das mit KMK-Beschluss von 2006 von der Abreitsmarkt- auf die Bildungspolitik übertragen wurde. So hieß es im sog. Schröder-Blair-Papier zur Neuausrichtung der europäischen Sozialdemokratie von 1999: „Neue Konzepte für veränderte Realitäten:“ „Allzu oft wurden Rechte höher bewertet als Pflichten. Aber die Verantwortung des einzelnen in Familie, Nachbarschaft und Gesellschaft kann nicht an den Staat delegiert werden. Geht der Gedanke der gegenseitigen Verantwortung verloren, so führt dies zum Verfall des Gemeinsinns, zu mangelnder Verantwortung gegenüber Nachbarn, zu steigender Kriminalität und Vandalismus und einer Überlastung des Rechtssystems. (…) Die Schwächen der Märkte wurden über-, ihre Stärken unterschätzt.“ „Wenn die neue Politik gelingen soll, muß sie eine Aufbruchstimmung und einen neuen Unternehmergeist auf allen Ebenen der Gesellschaft fördern. Dies erfordert: kompetente und gut ausgebildete Arbeitnehmer, die willens und bereit sind, neue Verantwortung zu übernehmen.“
Denn ich ben nur ne Kölsche Jung
un mie Hätz, dat litt mer op d’r Zung
Op d’r Stross han ich ming Sprooch jeliehrt
und jedes Wort wie tättowiert
op minger Zung
ich ben ne Kölsche Jung“
Und die Studierenden? Wie beantworten sie selbst die Frage, ob Professor Namenlos weiß, was für sie das Beste ist? Auch unter Studierenden teilen „übertrieben viele“, dass das ja schon gut für sie sei. Kritik, dass es auch anders, mit volleren Hörsälen am Ende des Semesters gehen müsse, weisen sie zurück. Immerhin ist Professor Namenlos ja Professor und sie haben im Semester viel gelernt bei ihm. Vielleicht sind die nicht Anwesenden ja einfach ungeeignet und vielleicht ist es ja so besser für sie. Sie selbst haben den Rat von Professor Namenlos befolgt und waren erfolgreich. Nun wissen sie, was das Beste für ihre Kommilitonen ist: Tun, wovon Professor Namenlos weiß, dass es das Beste für die Studierende ist.
„Un, dos, tres – wollte ich gerade sagen:
(…)
Heutzutage ist zu empfehlen,
die eigene Meinung nicht zu verhehlen.
Meinungsaustausch zahlt sich aus,
Du gehst mit Deiner Meinung rein
und kommst mit meiner Meinung raus!“
(De Höhner: Der Opportunist)
In der Folge von „Fördern und Fordern“ wurde viel bürokratische Sozialtechnologie (siehe Hartz-Reformen) aufgewendet, damit Menschen „lernen zu wollen, was sie sollen“ (Morus Markard). Aber wollen die Menschen das (noch immer)? Bereits 2014 analysierte Torsten Bultmann: „Die Unternehmerische Hochschule ist ideologisch erschöpft.“ Aber: „Risk management used to be a business practice,“ schreibt Harris, „now it’s our dominant child-rearing strategy.“
Warum? Mit dem Ende der Geschichte wurde der Deal zum Standard-Bezug zwischen Menschen erklärt. Damit es dabei zur win-win-Situation kommt und man nicht in einer DoppelWin-Lose-Situation über den Tisch gezogen wird, ist risk-management unerlässlich. Und das Sicherste im Rechtsstaat ist immer noch eine Studienordnung, die sich wie ein juristisch wasserdichter Versicherungsvertrag liest!
Schon lange sind die Markt-Modernisierer*innen nicht mehr Avantgarde; das Verharren in Absicherung angesichts dessen ganz schön anachronistisch. Avantgarde wäre: Auf die Mitmenschen als Mitstreiter*innen zu setzen, anstatt sich ihnen gegenüber abzusichern.
„Und das absolute Plus,
wenn es längst passiert ist,
hat er’s vorher schon gewusst.
Ständig schaut er nur in die Runde,
sucht verzweifelt die Gunst der Stunde.
Weil er meinungs-flexibel ist.
Erst wenn alle anderen klatschen,
dann auch der Opportunist.“
Und vielleicht auch Professor Namenlos.