Essay: Warum Studienabbrecher toll sind

Martin Scheuch
Freie Universität Berlin, Fachschaftsinitiative Physik (ehem.)

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Am Beginn einer Überlegung zu Studienverlauf und Studieninhalten steht die Frage nach dem Sinn: Warum studieren? Ist es das gesellschaftliche Ziel, durch ein Studium den Menschen möglichst schnell einen Abschluss zukommen zu lassen und sie dem wirtschaftlichen Verwertungsprozess zuzuführen? Oder steht eine persönliche Entwicklung im Vordergrund, die die Fähigkeit zur Selbstreflexion hervorbringt und dabei Umwege und Sackgassen zulässt und ermöglicht, dass am Ende auch die Entscheidung stehen kann, dass ein Studium vielleicht nicht der richtige persönliche Weg ist?

Hier kommt die Unterscheidung zwischen berufsqualifizierend und berufsbefähigend ins Spiel. Die meisten Hochschulabsolvent*innen werden letztendlich nicht in ihrem Studienfach arbeiten (ausgenommen sind natürlich Fälle wie Lehramt, Jura, Medizin u.ä.), sondern sich andere Fähigkeiten zu Nutze machen, die auch im Studium erworben wurden. Als Physiker*in ist da oft die Fähigkeit zur strukturierten Problemlösung, das Keine-Angst-Haben vor Gleichungen und großen Datenmengen und der gewissenhafte Umgang mit Statistik ausschlaggebend. Aber auch die Fähigkeit zur Selbstorganisation, Selbstreflexion und Frustrationsresistenz sind wichtig. Insofern ist eine Berufsqualifizierung des Studiums irreführend, da mit konkreten Inhalten eines Physikstudiums die Wenigsten nach dem Studium noch zu tun haben. Eine Berufsbefähigung aufgrund der oben genannten erworbenen Fähigkeiten trifft es schon eher.

Einhergehend damit ist, dass die neben der eigentlichen Physik erworbenen Fähigkeiten mit fachspezifischen Unterschieden auch in anderen wissenschaftlichen Studiengängen erworben werden, mithin also die Fächerwahl den persönlichen Neigungen und der Neugier entsprechen soll, da das gesellschaftliche Ziel nicht die fachlichen Inhalte sind. Und wenn man dann irgendwann feststellt, dass Physik nun doch nicht das Richtige war und man lieber Islamwissenschaft studieren, Geigenbau oder Krankenpflege machen möchte, dann ist das nicht nur kein Scheitern, sondern völlig in Ordnung und sogar wünschenswert, da dieser Umorientierung ein persönlicher Reifeprozess zugrunde liegt. Die Gesellschaft voran bringen Menschen, die sich mit sich und ihrer Umwelt eingehend kritisch beschäftigt haben und sich über ihre Wünsche und Ziele im Klaren sind und damit gesellschaftliche Prozesse kritisch begleiten können. (Und mal im Ernst, wer von uns wusste, worauf er sich bei einem Physikstudium wirklich einlässt?)

Mit diesen Überlegungen sollte aber auch die Orientierung eines Studiums wieder weg führen von einem permanenten Druck, vorgegebenem Verlauf, dazu benötigter Semesterzahl und dem Abfragen von Wissen, hin zu Freiheit bei der Organisation des Studiums und Wahl der Inhalte und Formate – und der Zeit für die persönliche Entwicklung.

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